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Vagusnerv: Unser natürlicher Anti-Stress-Manager

Der Vagusnerv steuert, wie gut wir nach Belastungen regenerieren können. Doch was tun, wenn das System auf Hochspannung bleibt? Dr. med. Wolfgang Tamm erklärt im Gespräch, wie die Craniosacral Therapie Blockaden löst und diesem wichtigen Nerv unseres Wohlbefindens wieder mehr Beachtung schenkt.

26.06.2026


© Adobe Stock

Herr Tamm, was macht der Vagusnerv eigentlich, und warum ist er unser wichtigster «Anti- Stress-Manager»?

Der Vagusnerv verläuft vom Hirnstamm bis in den Brust- und Bauchraum. Er ist Teil unseres vegetativen Nervensystems und steuert die Entspannungsfähigkeit, also das Umschalten von Aktivität auf Ruhemodus. Besonders wichtig ist das für die Regeneration und Heilung sowie für die soziale Kommunikation. Er reguliert unbewusste Körperfunktionen und ist entscheidend für das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit. In der Therapie betrachten wir ihn als zentrales Element der Regulation, das weit über blosse Entspannung hinausreicht.


© Cranio Suisse®

Wie bringt die Craniosacral Therapie ein überreiztes System wieder in Balance?

Wie alle Methoden der Komplementärtherapie betrachtet die Craniosacral Therapie Beschwerden aus ganzheitlicher Sicht. Durch die Synchronisation von Körperrhythmen wird das System ins Gleichgewicht gebracht. Berührung, Entspannung und Selbstwahrnehmung sind hier die Schlüssel. Die Klient*innen spüren in der Regel eine Veränderung, wenn sie in eine erholsame Ruhe sinken. Sie können sich dann bewusster spüren, nehmen Wärme wahr, entdecken unter kompetenter Anleitung, neue Ressourcen oder reaktivieren bereits vorhandene Kräfte.


"Der Vagusnerv reguliert unbewusste Körperfunktionen und ist entscheidend für das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit."


Warum reicht es oft nicht aus, sich «einfach nur entspannen zu wollen»?


Anhaltende Beschwerden und alte Traumata sinken oft in Bereiche des Unterbewusstseins ab. Sie sind auf der reinen «Gedankenebene» nicht mehr erreichbar. Die Craniosacral Therapie erreicht über die körperliche Ebene und die begleitete Selbstwahrnehmung die sogenannten «Zellerinnerungen». Während der Behandlung stellt der Hirnrhythmus auf tiefe Entspannung um, ähnlich wie im Schlaf. In diesem Zustand ist das Potenzial für Selbstregulation besonders hoch. Hier wirkt der Vagusnerv als Teil des parasympathischen Nervensystems direkt auf die Regeneration.



Können Sie uns ein Beispiel aus Ihrer Praxis nennen?

Eine 72-jährige Klientin kam mit vielfältigen Beschwerden zu mir: chronische Schmerzen in den Beinen und im Unterbrauch, Herzrasen und Panikattacken. Obwohl ärztliche Abklärungen keinen organischen Befund ergaben, war ihr Nervensystem nach einer Gallenoperation vor 20 Jahren im Zustand einer dauerhaften Überlastung. «Ist das alles Einbildung?», fragte sie verzweifelt. Ich erklärte ihr die zentrale Rolle des Vagusnervs. In der anschliessenden Behandlung erfuhr sie einen Zustand der tiefen Entspannung und der Selbstwahrnehmung auf einer ganz neuen Ebene. Unterstützt durch einfache Atemtechniken für zu Hause, kehrte ihr Vertrauen in den eigenen Körper zurück. Ihr Fazit nach der Therapie: «Ich fühle mich nicht mehr so hilflos.»

Zwei Personen umarmen sich,

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Gibt es Warnsignale, bei denen man den Vagusnerv behandeln lassen sollte?

Der Körper signalisiert Dysbalancen durch Erschöpfung, Schlafstörungen oder chronische Schmerzen. Wenn der Vagusnerv durch Verspannungen oder Blockaden (z.B. nach Unfällen) physisch eingeengt ist, kann er nicht optimal arbeiten. Dann macht die Nervenstimulation keinen Sinn. Wir Craniosacral Therapeut*innen bringen zunächst die Strukturen des Craniosacralen Systems ins Gleichgewicht. Erst wenn die physischen Engpässe gelöst sind, kann der Vagusnerv seine regulierende Funktion wieder voll ausüben.Schlafstörungen oder chronische Schmerzen.


Was raten Sie Menschen, die an der Wirkung einer so sanften Methode zweifeln?

Die Forschung bestätigt: Unser Gehirn besitzt die lebenslange Fähigkeit, sich an Erfahrungen anzupassen und neue Verbindungen zu knüpfen. Diese Neuroplastizität ermöglicht es uns, bis ins hohe Alter neue Bewältigungsstrategien zu lernen und unser Lernverhalten zu verbessern. Erleben wir eine Behandlung als sinnvoll und angenehm, wirkt dies wie «Dünger» für das Gehirn und unterstützt die nachhaltige Veränderung.

In einer Zeit, die auf schnelle Lösungen drängt, braucht echte Selbstregulation jedoch Zeit. Ein bewusstes Innehalten und das Vertrauen in die eigene Regenerationskraft sind die ersten Schritte, die wir mit Craniosacral Therapie begleiten. Wir unterstützen diesen Prozess sanft, ohne etwas zu erzwingen – denn das Gras wächst bekanntlich nicht schneller, wenn man daran zieht.


"Der Vagusnerv verbindet unser Denken mit unserem Bauchgefühl und sorgt dafür, dass wir nach Belastungen wieder sicher in die Ruhe finden."



Der Vagusnerv sendet Informationen von den Organen zurück zum Hirnstamm.

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Der Vagusnerv – Unser „wandernder“ Nerv

Der Vagusnerv ist der zehnte Hirnnerv und der wichtigste Gegenspieler unseres Stresssystems. Sein Name leitet sich vom lateinischen vagus ab, was so viel wie «umherschweifend» oder «wandernd» bedeutet – und das aus gutem Grund:

 

  • Der Vagusnerv entspringt im Hirnstamm (an der Basis des Schädels) und zieht von dort durch den Hals, entlang der Speiseröhre, bis in den Brust- und Bauchraum.
  • Auf seinem Weg verzweigt er sich wie ein feines Geflecht zu fast allen lebenswichtigen Organen. Er reguliert unter anderem den Herzschlag, die Atmung, die Verdauung und den Stoffwechsel.
  • Er dient als «Datenautobahn» zwischen Körper und Gehirn. Etwa 80 % seiner Fasern senden Informationen von den Organen zurück nach oben. Ist der Vagusnerv aktiv, sinkt der Blutdruck, die Muskeln entspannen sich und der Körper schaltet auf Heilung und Regeneration um.

Wolfgang Tamm ist Facharzt für Orthopädie/Traumatologie. Er arbeitet seit 2017 als Leitender Arzt für integrale Orthopädie in der Tellklinik AG in Ibach (SZ) und in seiner eigenen Privatpraxis direkt in Schwyz. Ausserdem ist er Craniosacral Therapeut und langjähriger Dozent an der Cranioschule für Themen rund um das Nervensystem.


Autorin: Das Interview führte die Schweizerische Gesellschaft für Craniosacral Therapie Cranio Suisse®, www.craniosuisse.ch



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