12.10.2026

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Wenn Abschalten nicht mehr gelingt
Markus* ist 49, verheiratet, Vater von zwei Kindern und arbeitet seit Jahren in einer Führungsposition. Er trägt Verantwortung, entscheidet und organisiert. Auf ihn ist Verlass. Auch für seine Familie möchte er da sein. Lange denkt er: «Ich habe mein Leben im Griff.» Doch er schläft schlechter, Gedanken kreisen und selbst am Wochenende fällt das Abschalten schwer.

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«So möchte ich nicht sein»
Sein Nacken ist angespannt, innere Unruhe begleitet ihn. Wenn die Kinder trödeln oder laut sind, reagiert Markus schneller gereizt. Danach denkt er: «So möchte ich meinen Kindern nicht begegnen. So mag ich mich nicht.» Er will es besser machen – und erhöht damit ungewollt den Druck. Im Beruf möchte er leistungsfähig, zu Hause geduldig und präsent sein. Selbst Erholung wird zur Aufgabe.
Vom Funktionieren zum Wahrnehmen
Markus sucht Unterstützung in meiner Praxis mit Polarity Therapie, einer Methode der Komplementärtherapie. Seine Zusatzversicherung übernimmt in seinem Fall 85 Prozent der Behandlungskosten.
Im Zentrum steht zunächst nicht die Frage, wie er wieder besser funktionieren kann. Es geht um sein Erleben: Was nehme ich gerade wahr?
Der Körper als Informationsquelle
Achtsame Gespräche und körperzentrierte Arbeit verbinden sich. Markus bemerkt angespannte Schultern, seinen Atem und einen vertrauten inneren Satz: «Ich muss funktionieren.» Die Stärkung der Selbstwahrnehmung ist ein zentrales Ziel der Komplementärtherapie. Je nach Methode arbeitet sie mit Berührung, Bewegung, Atem oder Energie. In der Polarity Therapie ergänzt die Ernährung diese Zugänge.
Markus beginnt Unterschiede wahrzunehmen: Wann steigt seine Anspannung? Wo erlebt er Ruhe oder Stabilität? Sein Körper ist nicht länger nur etwas, das funktionieren soll. Er wird zu einer wichtigen Informationsquelle.
Ressourcen wiederentdecken
Komplementärtherapie richtet den Blick auf Ressourcen. Sie können im Menschen selbst oder in seinem Umfeld liegen: Humor, Kreativität und Lebenserfahrung ebenso wie Beziehungen, Natur oder Bewegung.
Markus fragt sich: Was gab mir früher Kraft? Wann fühlte ich mich lebendig? Was half mir in schwierigen Zeiten? Er erinnert sich auch an einen vertrauten Leitsatz: «Es findet sich immer ein Weg.»

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Ausprobieren statt perfekt machen
Komplementärtherapeut*innen geben keine fertigen Lösungen vor. Fragen wie «Was würdest du gerne tun, wenn es nicht perfekt sein müsste?» eröffnen neue Möglichkeiten.
Markus fährt wieder Fahrrad, trifft einen alten Freund und schafft eine Pufferzone zwischen Arbeit und Familienzeit. Er beobachtet: Was verändert sich? Was tut mir gut? Was passt zu mir? Dabei macht er eine wichtige Erfahrung: «Ich kann selbst etwas bewirken.»
Vom Therapieraum in den Alltag
Markus erkennt seine Anspannung früher, hält eher inne und nimmt eigene Grenzen und Bedürfnisse wahr. Auch in seiner Familie entsteht mehr Handlungsspielraum. Nicht jeder schwierige Moment verlangt nach einer perfekten Reaktion.
Manchmal hilft eine einfache Frage: «Ich bin gerade angespannt. Was brauche ich jetzt?» Erfahrungen aus der Therapie finden so ihren Weg in seinen Alltag.

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Selbstregulation statt Selbstoptimierung
Komplementärtherapie stärkt Selbstwahrnehmung, Selbstregulation und Genesungskompetenz. Gesundheit versteht sie als dynamischen Prozess. Es geht nicht darum, jederzeit ruhig und leistungsfähig zu sein.
Markus lernt, Signale früher wahrzunehmen, Ressourcen zu nutzen und seinen Prozess aktiv mitzugestalten. Zur Verantwortung für andere kommt die Verantwortung für sich selbst.
Komplementär heisst ergänzend
Komplementärtherapie versteht sich als Ergänzung zu anderen Gesundheitsberufen. Komplementärtherapeut*innen stellen keine medizinischen Diagnosen und kennen die Grenzen ihrer Tätigkeit. Bei Bedarf arbeiten sie mit medizinischen, psychiatrischen oder psychotherapeutischen Fachpersonen zusammen.
Markus trägt nicht weniger Verantwortung. Doch sein Umgang damit hat sich verändert. Er nimmt eigene Signale früher wahr und weiss besser, was ihn in belastenden Situationen unterstützt.
So entsteht Schritt für Schritt ein neuer Umgang mit Belastungen: wahrnehmen, was ist und sich im Körper zeigt, erkennen, was stärkt – und diese Erfahrungen im Alltag nutzen.
*Das Fallbeispiel stammt aus der Praxis der Autorin. Name und persönliche Einzelheiten wurden zum Schutz der Privatsphäre verändert.
Autore:
Melanie Goumri Komplementärtherapeutin mit eidg. Diplom, Methode Polarity; Somatic Experiencing Practitioner; Cham
Präsidentin Polarity Verband Schweiz www.polarity-schweiz.ch
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